Do you remember?
Oh Boy und das Berlin-Gefühl

Wahrscheinlich ist der Film von Jan-Ole Gerster kein wirklicher Geheimtipp, vor allem nicht für Berliner. Letztes Wochenende, Monate nach Filmstart, saß ich in einem ausverkauften Kino, um mir „Oh Boy“ anzuschauen. Die eigentliche Entdeckung ist, dass der Film mit seinen absurd erscheinenden Szenen etwas feiert, das mein Berlin-Gefühl ausmacht: Die intime Anonymität der Menschen hier.
Der Film folgt den Begegnungen seines Hauptcharakters Niko mit Menschen, die er eigentlich nicht kennt. Das hält sie aber nicht davon ab, ihn mit Emotionen und Geheimnissen zu konfrontieren, die sie teilweise nicht mal ihren engsten Vertrauten erzählen. Niko lässt sich auf diese Begegnungen ein, weil sie ihm offensichtlich etwas geben, wonach er sucht. Diese Stadt ist voll von diesen Aufeinandertreffen und voller Menschen, die suchen, was Niko sucht.
In Berlin ist man anonym. Einseits bedeutet das Freiheit: Hier kann jeder so sein, wie er will. Andererseits fasst Berlin so viele Menschen mit so unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen, dass meistens das einzig Verbindende ist, dass sie in den Grenzen dieser Stadt leben. Die Anonymität dieser Großstadt, verwandelt ihre Einwohner in winzig kleine, umhertreibende Atome. Um hier ein Gegenstück zu finden, muss man es suchen. Und das tun alle hier, weil nur dieses Gegenstück ihnen eine Idee davon geben kann, wer sie selbst sind. „Nachdenken“ nennt Niko das im Film.
Dabei ist er den Menschen in dieser Stadt oft unvermittelt ganz nah. In einer Szene des Films beklagt sich ein alter Mann in einer Bar bei Niko, dass er niemanden verstehen könne in dieser Stadt, obwohl die meisten Deutsch sprächen. Während man dabei schmunzelnd an Nikos Versuch denkt, einen Kaffee zu bestellen, der an einer schwäbelnden Barista scheitert, erzählt ihm der alte Mann von den wirren Details seiner Vergangenheit. Er sei jahrzehntelang „weg“ gewesen und jetzt wieder hier, bemerkt er schließlich. Niko wird der Letzte sein, mit dem er spricht und der Einzige, der seine Geschichte und deren Ende kennt. Eine Krankenschwester in der Klinik erklärt, dass der Mann keine Angehörigen hatte. Niko geht nicht, bevor er nicht wenigstens den Vornamen des Mannes erfahren hat. Denn für den alten Mann und Niko gibt es nur zwei Dinge im Leben: Weg sein oder in Berlin sein.
Niko erlebt, wie die Menschen bei ihrer Suche wie in chemischen Reaktionen aufeinander treffen. Ihre Anonymität entlädt sich in einem Feuerwerk der Intimitäten, die zwei Menschen für kurze Zeit miteinander reagieren lassen. Für die, die nicht in Berlin leben, wirkt das oft absurd. Für viele Menschen hier macht es die Stadt zu einem Platz wie keinem anderen.
Entdeckung der Woche: Meine iTunes-Bibliothek
Den Musik-Streamingdiensten wie Spotify, Rdio und Pandora gehört die Zukunft. Mittlerweile werden zum Beispiel 15 Prozent des gesamten Musikumsatzes der USA über diese Dienste gemacht. Tendenz: Explosionsartig steigend. Seit zwei Jahren bin ich ebenfalls überzeugter Nutzer dieser Streamingdienste und freue mich, ständig Millionen von Titeln zur Verfügung zu haben. Gestern klickte ich aber nach Monaten mal wieder auf das iTunes-Symbol auf meinem Computer und meine Musikbibliothek sprang mir entgegen. Früher war meine iTunes-Bibliothek so etwas wie mein kleiner Schrebergarten: Sie wurde liebevoll gehegt und gepflegt. In digitaler Handarbeit habe ich die Songs gekauft, Track- und Künstlernamen, Erscheinungsdatum und nach Möglichkeit sogar den Songtext hinzugefügt. Nach mehrmaligen Hören eines Stückes, wurden dem Titel dann eine Sterne-Bewertung verpasst und er in Playlisten eingeordnet. Und irgendwie sieht man das meiner iTunes-Bibliothek heute noch an, auch wenn ich nur noch alle paar Monate mal etwas hinzufüge. Seit gestern habe ich meine Playlisten wieder durchgehört und mich gefreut, dass ich viele Zusammenstellungen immer noch genauso gerne höre wie vor drei oder fünf oder acht Jahren. Und bei jedem neuen Klick auf eine alte Zusammenstellung kommt dieses Gefühl auf, was wohl Mütter und Väter haben, wenn sie ihre Plattensammlung durchstöbern. Die iTunes-Bibliothek ist meine digitale Plattensammlung, meine kleine Insel in einem Meer von Musiktiteln. Es kann gut sein, dass das bald auch meine Spotify-Bibliothek sein wird – selbst wenn die Titel nur geliehen sind. Das Motto des neuen Zeitalters, „Nutzen statt Besitzen“, braucht vielleicht nur Zeit, bis es zu einer Selbstverständlichkeit wird. Für den Moment ist es jedoch ein schönes Gefühl, nicht nur die Zukunft der Musik zu kennen, sondern auch zu wissen, wo meine Vergangenheit sich befindet – und ab und zu dahin zurückzukehren.
Wörter, die mich zum Lachen bringen
- Kawenzmann: Dieses Wort kann seine Herkunft nicht verleugnen. Es geht auf wohlegenährte Möche züruck.
- Pustekuchen: Die süße Version meines englischen Lieblingsspruchs „When the shit hits the fan…“
- Wuchtbrumme: Einer meiner heimlichen Träume ist, dass ich das mal als Kompliment bekomme.
- Wanne-Eickel: Mitesser.
- Spottdrossel: Der Vogel gilt als furchtlos und aggressiv.
- Oschi: Allein schon, weil deswegen im Duden folgender Beispielsatz steht: „Unter den gesammelten Pilzen waren richtig dicke Oschis.“
- Misstraurig: Muss sich ungefähr so wie furzen und niesen zugleich anfühlen.
Hans Hollein: The inflatable mobile office (1969)
Nothing pulls you into the territory between art and science so quickly as design. […] The messiness of human experience is warming up the cold precision of technology to make it livable, and lived in.
—Katherine and Michael McCoy, Cranbook Design: The New Discourse
On the Internet, nobody knows you’re a dog.
—Peter Steiner cartoon in The New Yorker, 5 July 1993, p. 61


